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„Wir Müssen Am Ring Nach Vorne Blicken – Und Zwar Selbstbeswusst”

REDAKTIONSGESPRÄCH IN EINEM EXKLUSIVEN INTERVIEW ERLÄUTERT DER GRÜNDER UND HAUPTGESELLSCHAFTER DER EMODROM GROUP, THOMAS REISTER, SEINE PLÄNE FÜR DIE ZUKUNFT Bild: © emodrom / Chaparro

Die Stadt Hockenheim und der Ring – sie gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Wer hätte in der Welt jemals von dem Städtchen in der Kurpfalz gehört, hätte es hier nicht Motorrad Grand-Prix und Formel 1 gegeben? Und wie gut könnte es Hockenheim finanziell gehen, wäre der städtische Haushalt nicht immer wieder mit Investitionen und Schulden der Ring GmbH konfrontiert gewesen? Wohl und Weh liegen hier nah beieinander. Die DTM macht nur noch ein Saisonrennen hier, die Formel 1 ist erst Mal weg, könnte aber in der Corona-Krise selbst zum Umdenken kommen und kleinere Brötchen backen müssen, weil anderswo das Geld auch nicht mehr so locker sitzt. Und was macht eigentlich diese Emodrom Group, die sich anschickt, die Regie am Ring zu übernehmen? Bringt sie die Stadt in noch größere Schwierigkeiten oder sorgt sie für den marktwirtschaftlichen Befreiungsschlag für eine gute Zukunft? Uns ist es gelungen, mit einem der Gründer und dem Hauptgesellschafter der Emodrom Group, Thomas Reister, ein exklusives Redaktionsgespräch zu führen, natürlich virtuell, wie alles in dieser Zeit.

Die Wirtschaft fährt runter, die Rennstrecke ist geschlossen. Haben Sie da als Ideengeber und Geschäftsführer der Emodrom nicht besonders viel Zeit, um über die Zukunft am Ring nachzudenken?

Thomas Reister: Doch, in der Tat, und das tun wir auch! Wir haben unser gesamtes Team direkt mit IT für die Arbeit im Homeoffice ausgestattet und sind in wechselnder Minimalbesetzung zum Schutz unserer Belegschaft vor Ort. Es macht ja überhaupt keinen Sinn, darüber zu sinnieren, was jetzt gerade nicht wie geplant umgesetzt werden kann, da wir es sowieso nicht ändern können. Vielmehr beschäftige ich mich mit meinen Kollegen und Mitarbeitern seit dem ersten Tag der coronabedingten Schließung des Hockenheimrings, wie wir uns so gut aufstellen, damit wird, – um im Rennjargon zu bleiben – wenn die Ampel auf grün geht, optimal vorbereitet direkt wieder loslegen und bereits begonnene Projekte weiter erfolgreich umsetzen können.

Konnten Sie, wie am Anfang von Ihnen prognostiziert, neue Arbeitsplätze schaffen und wie ist die Emodrom Group personell am Hockenheimring aufgestellt?

Reister: Als ich vor acht Jahren diese Firma gründete, begann ich diesen neuen Geschäftsbereich zusammen mit einem Assistenten und mit Unterstützung von Georg Seiler und Frau Kutzer von der Hockenheim-ring GmbH. Die Emodrom Group beschäftigt am Hockenheimring mittlerweile über 20 feste Mitarbeiter und zusätzliche Dienstleister – Tendenz steigend! Wir sind qualitativ sehr gut aufgestellt. Hier agiere ich wie im Sport, in dem ich seit fast 30 Jahren tätig bin. Man benötigt die besten verfügbaren Mitarbeiter mit hoher Motivation und der Fähigkeit, sich in den Dienst des Teams zu stellen. Jeder wird bei uns dort eingesetzt, wo er seine beste Leistung erbringen kann. Nur so ist man erfolgreich und kann im übertragenen Sinne Titel holen. Wir vertrauen hier genauso auf junge Kollegen wie auch auf Mitarbeiter mit langjähriger hoher Expertise. Beispielsweise meine heutigen Kollegen in der Geschäftsleitung Tim Brauer und Kai Hennefarth, die einen super Job machen und ohne die wir nicht da stünden, wo wir heute sind. Das zeigt sich eindrücklich an der Rekordbauzeit des Porsche Experience Centers (PEC), das wir vom Spatenstich bis zur Übergabe an unseren Mieter Porsche im Oktober in gerade einmal zwölf Monaten realisiert haben.

Der Ring hat ja kürzlich weltweit Schlagzeilen gemacht mit einer Überschrift, die lautete: „Messen statt Motorsport“. Was haben Sie da gedacht?

Reister: Eine gut gemeinte Schlagzeile eines Ihrer Kollegen einer anderen Zeitung, die aus dem ursprünglichen Zusammenhang genommen eine andere, wie ich meine negative, Botschaft vermittelte und deshalb tatsächlich um die Welt ging. Richtig ist „Hockenheimring, Mobilitätszentrum und Motorsport!“ Genau darüber haben wir nämlich anlässlich des Besuchs der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im Januar in großer Runde gesprochen. Neben ihr nahmen unser OB Marcus Zeitler, der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Klein sowie die Geschäftsleitung der Landesmesse Stuttgart und Dezernatsleiter des Ministeriums teil. Unser Eindruck war, dass die Teilnehmer von dem seit 2012 mit der Emodrom hier am Hockenheimring eingeschlagenen Weg überzeugt und wir seither im Dialog und fachlichen Austausch sind. Eine Einschätzung, die im Übrigen auch Verkehrsminister Winfried Hermann teilt, der seit 2018 als Schirmherr des Start-Up-Awards unser „e4 Testival“ begleitet und in seiner Laudatio 2019 die Transformation einer Rennstrecke zu einem Mobilitätszentrum ausdrücklich gewürdigt hat. Das hat mich persönlich sehr gefreut, da sich die grüne Landespolitik natürlich per se schwertut, eine Rennstrecke zu unterstützen, was in den letzten Jahren auch dazu führte, dass in der Formel 1 im Gegensatz zum Rest der Welt in Deutschland bei der Siegerehrung kein Spitzenpolitiker zu sehen war. Ich mache die Erfahrung, dass wir mit unserem Konzept auch immer wieder politische Entscheider von CDU, SPD, FDP und Grünen aus Land, Bund und der EU in Hockenheim durch persönliche Einladungen begrüßen können.

Stimmt es, dass die geplante finanzielle Beteiligung der Emodrom Group an der Ring GmbH momentan auf Eis liegt?

Reister: Ja, aufgrund der aktuellen Situation. Die Stadtverwaltung hatte alle Einwohner für den 23. März in die Stadthalle zu einer umfassenden Informationsveranstaltung eingeladen. Diese konnte aufgrund der Corona-Landesverordnung vom 17. März natürlich nicht mehr stattfinden. Und gerade diese Information gegenüber den interessierten Hockenheimer Bürgern ist Voraussetzung für die weiteren Schritte. Im Übrigen ist diese Infoveranstaltung von allen Beteiligten, also von Stadt, Ring GmbH und Emodrom, seit längerer Zeit gesetzt und gewollt. Insbesondere waren sich hier auch alle Gemeinderäte fraktionsübergreifend seit Beginn des Prozesses einig. Es war und ist also keine Forderung Einzelner, wie man es hin und wieder lesen konnte. Sobald sich das öffentliche und unser aller privates Leben normalisiert, werden wir uns direkt zusammensetzen, zur aktuellen Situation austauschen und den eingeschlagenen Weg weitergehen.

Was funktioniert denn derzeit weiterhin am Ring, trotz Shutdown?

Reister: Die Hockenheim-Ring GmbH ist hier mit ihren Geschäftsmodellen Event, Catering und Hotel erheblich stärker betroffen, wie ich aus Gesprächen erfahre und im Interview vor einigen Tagen in dieser Zeitung lesen konnte. Der Ring steht still und die Mitarbeiter hoffen auf einen baldigen Restart. Bei uns in der Emodrom Group sieht es etwas anders aus, da wir durch unsere Geschäftsmodelle breiter aufgestellt sind. Zum einen erzielen wir Einnahmen durch die Vermietung unserer Gebäude. Darüber hinaus arbeiten wir auf digitalen Plattformen mit unseren Mitarbeitern in Homeoffice-Strukturen und bedienen Kunden sicher mit unseren Qualifikations- und Weiterbildungsangeboten.

Schauen wir doch mal in die Zukunft. Wo kann sich der Ring platzieren?

Reister: Genau mit dem Konzept, mit dem ich 2012 hier angetreten bin, für das ich heute immer noch werbe und das wir gemeinsam umsetzen. Wir benötigen am Ring eine größere Diversifikation der Geschäftsmodelle. Das klassische Eventgeschäft wird sich kurz- bis mittelfristig definitiv anders darstellen, als wir es gewohnt waren. Insbesondere in den Segmenten, in denen der Hockenheimring seine Alleinstellung hat, nämlich Veranstaltungen bis zu 100 000 Besuchern durchzuführen. Bis wann solche Größenordnungen wieder realistisch werden, bleibt abzuwarten. Ich vermute, es geht länger, als wir es hoffen. Hierbei spielen unterschiedliche gesetzliche, medizinische, wirtschaftliche, veranstaltungs- und versicherungsrechtliche Faktoren eine Rolle, auf die wir keinen Einfluss haben. Diese werden wiederum Einfluss auf die Deckungsbeiträge haben, da man die Umlage auf Catering-, Eintritts- und Streckenpreise nicht endlos fortführen kann, weil es sonst einen Negativeffekt bei den Besucherzahlen auslöst. Vor dieser Herausforderung stehen alle Anbieter großer Rennstrecken und Eventlocations. Deshalb sind wir auf dem richtigen Weg.

Welche Rolle können E-Technologie und Hybridtechnik bieten?

Reister: Eine zentrale! Nicht ohne Grund habe ich bereits bei der Gründung dem Gemeinderat und der Verwaltung dieses Konzept unterbreitet. Ich befasse mich seit 2007 damit und hatte aus heutiger Sicht das richtige Gespür. Die technischen und gesellschaftlichen Veränderungen entwickeln sich rasant, deshalb muss man immer technologieoffen agieren. So spielen auch Wasserstoff, die Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe und andere Technologien künftig eine Rolle. Die Buchungen zu diesen Themen und mit solchen Fahrzeugen am Hockenheimring von Veranstaltern, Herstellern und Medien nehmen spürbar zu, und wir sind erst am Anfang, da die gesetzlichen Vorgaben und gesellschaftlichen Veränderungen diesen Wechsel in der Massenmobilität klar vorgeben.

Was wird aus Ihrem Schaufenster moderner Antriebsformen, das Sie ja von Anfang an im Blick hatten?

Reister: Wir sind weder Forscher, Entwickler noch Produzenten, sondern Anbieter einer der aus meiner Sicht besten Kommunikations- und Marketing-Plattformen in Europa, zur Darstellung zukunftsweisender Mobilitätskonzepte und innovativer Technologien. Wenn sich alles wieder normalisiert, starten wir gemeinsam mit den Stadtwerken in Hockenheim, dem KIT und dem Eifer-Institut aus Karlsruhe mit einem tollen Forschungsprojekt. Es heißt „MoBILE“ und ist für mobile Energiespeicher zur Abdeckung von Spitzenlasten gedacht – ein vom Land Baden-Württemberg gefördertes Programm. Sobald wir loslegen, werden wir darüber berichten, interessierte Bürger einladen und Führungen organisieren. Mit meinem Team werden wir dafür werben, weitere innovative Unternehmen vom Standort zu begeistern. Natürlich sind auch Zulieferer, Energieversorger, Softwareunternehmen oder Mobilitätsanbieter eine Bereicherung. Es wäre toll, wenn wir weitere internationale Topunternehmen – auch aus Baden-Württemberg – wie beispielsweise Bosch, EnBW, Mahle, SAP oder ZF genauso wie Hochschulen und die Start-Up-Szene für das Emodrom Mobilitätszentrum Hockenheimring gewinnen könnten. Dazu benötigen wir den weiteren Ausbau der Infrastruktur, über den die Verwaltung und Gremien seit Gründung der Emodrom informiert sind und ständig aktualisiert werden.

Was haben Sie erreicht, wo sind Sie noch nicht so weit gekommen, wie Sie es gerne wollten?

Reister: Die ersten großen Schritte zur Transformation der Rennstrecke in ein Mobilitätszentrum konnten wir erfolgreich realisieren. Dazu zählt die Ansiedlung von Porsche, der Dörr Group mit einem interessanten Angebot von Marken wie McLaren und Lamborghini, unsere e-Kart-Anlage und das innovative Messekonzept „E4-Testival“. Die geplante Beteiligung an der Hockenheimring GmbH, der Bau des Hotels und des Mobilitätszentrums könnten weitere sein.

Wie hinderlich sind die eher kleinstädtischen Strukturen hinter der GmbH für ein modernes Management?

Reister: Es liegt auf der Hand, dass in der heutigen Zeit ein modernes erfolgreiches Unternehmen hohe Flexibilität, finanzielle Mittel, flache Hierarchien und damit schnelle Entscheidungswege benötigt. Und natürlich unternehmerisches Denken, das wie immer auch mit gewissen Risiken verbunden ist, für die jemand geradestehen muss. Eine städtische Verwaltung ist durch ihre Gremien, kommunalen Vorschriften bis hin zu EU-Verordnungen per se anders aufgestellt. Hinzu kommen Herausforderungen in unterschiedlichsten Bereichen wie bezahlbarer Wohnraum, Einrichtungen für Kinder, Bildung, ältere Menschen, Anschlussunterbringung, Infrastruktur und vieles mehr, die den Verantwortlichen viel abverlangen und den Steuerzahler Geld kosten. Diese Strukturen passen für Unternehmen, die sich im Wettbewerb mit privaten Anbietern behaupten müssen, nicht übereinander. Und dazu zählt insbesondere eine Veranstaltungsstätte wie der Hockenheimring, der kurz- bis mittelfristig erhebliche Mittel für Instandhaltung und neue Strukturen benötigt, um künftigen Bedarfen der Veranstalter und Kunden gerecht zu werden. Die Stadt hat durch Mitsprache- und Vetorechte schon in ihrer Funktion als Genehmigungsbehörde in mehreren Bereichen umfassende Kontrollmöglichkeiten, unabhängig der Beteiligungsfrage und -größe.

Verstehen Sie dennoch die Bedenken einiger Bürger davor, den Hockenheimring zu privatisieren?

Reister: Natürlich. Der Ring gehört zur Stadt und die Stadt zum Ring. Und genau mit dem Gedanken haben wir die Emodrom ja damals gegründet. Es geht darum, zusätzlichen Mehrwert mit neuen Geschäftsmodellen zu schaffen. Alles entwickelt sich weiter und dieser Entwicklung muss man Rechnung tragen, wenn man überleben möchte und der Hockenheimring auch künftig das Aushängeschild der Stadt sein soll. Wir verstehen alle die Notwendigkeit und haben hohen Respekt davor, die fast 90-jährige Tradition weiterführen zu dürfen. Gerade im Rückblick sieht man beispielsweise in den Gründerjahren ab 1932, bei den großen Umbaumaßnahmen der 1960er und Anfang der 2000er Jahre, dass es damals Menschen mit klaren Zielen und dem Rückhalt in der Bevölkerung bedurfte, den Ring weiterzuentwickeln. Ohne diese Schritte hätte man keine der großen Sportformate wie Motorradw-Weltmeisterschaften oder die Formel 1 bekommen, die Hockenheim seit den 1970er Jahren weltbekannt gemacht haben. Deshalb ist es notwendig, den Weg weiterzugehen, Antworten auf die aktuellen und künftigen Herausforderungen zu haben und diese auch jeweils gut überlegt und zeitnah umzusetzen. Der Markt und die Welt warten nicht auf uns. Man stelle sich vor, wir wären mit dem PEC-Konzept zwei Jahre später gestartet. Kein Hersteller hätte sich in der heutigen Zeit für neue Projekte dieser Größenordnung entschieden. Mit dem Ergebnis, dass der Hockenheimring GmbH heute wichtige und entscheidende Einnahmen fehlen würden. Für mich heißt das, wir können partnerschaftlich die Historie des Rings bewahren und uns gleichzeitig den Herausforderungen stellen. Es macht aber definitiv keinen Sinn, wenn Einzelne aufgrund eigener Interessen, alter Geschichten und teilweise eigener Fehler heute die notwendige Weiterentwicklung mit teils falschen Behauptungen infragestellen und damit immer wieder in der Öffentlichkeit für Unsicherheit sorgen. Ein Besucher bei einer meiner Präsentationen in Hockenheim brachte es auf den Punkt, indem er feststellte, dass offensichtlich die, die am weitesten vom aktuellen Tagesgeschäft des Hockenheimrings weg sind, meinen, die größte Expertise zu haben. Es ist falsch, sich mit der Erfahrung von vor 20 Jahren heute ein Urteil zu erlauben, ohne die handelnden Personen jemals kennengelernt, geschweige denn mit ihnen gesprochen zu haben. Nach acht Jahren haben alle Beteiligten bewiesen, dass man sich gegenseitig vertrauen und neue Projekte umsetzen kann und wir werden die Bürger gemeinsam mit der Verwaltung wie geplant umfassend informieren, sobald das wieder möglich ist. Wir sind offen für konstruktive Kritik und vor allem zielführende Vorschläge, wenn diese wie es sich gehört in persönlichen Gesprächen ausgetauscht werden. Deshalb lud ich bis dato jeden ein, der konkrete Fragen hat oder informiert sein möchte. Und bald kommt ja auch die Infoveranstaltung.

Es gab auch immer Stimmen und Leserbriefe, die vor den finanziellen Risiken der Stadt warnten. Haben Sie Gelder oder Gehalt seitens der Stadt für Ihre Arbeit erhalten?

Reister: Nein! Ich bin mit meinem eigenen Konzept, an dem ich seit 2008 arbeitete, auf eigene Rechnung angetreten. So steht es im Übrigen auch im Gesellschaftervertrag der Emodrom GmbH. Genauso wie dort hinterlegt ist, dass die strategische Weiterentwicklung zu neuen Mobilitätsthemen ausschließlich der Emodrom GmbH obliegt. Und wenn es dazu finanzieller Mittel bedarf, stehen ich und meine Mitgesellschafter bereit, uns entsprechend auf eigenes Risiko alleine zu engagieren, da es aufgrund der erwähnten städtischen Voraussetzungen und Finanzlage nicht geht oder auch teilweise kommunalrechtliche Vorgaben entgegenstehen. So war es auch beim Bau des PEC, als es darum ging, die notwendige Eigenkapitalquote sicherzustellen. Man teilte mir mit, dass neben den immer noch hohen Verpflichtungen und Problemen aus früheren Maßnahmen zwischen 2000 und 2002, die in städtischer Verantwortung lagen, keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung stehen, und ob ich eine privatfinanzierte Lösung anbieten könne, die den Interessen beider Gesellschafterinnen gerecht werden. Ich bin von dem, was wir tun, überzeugt und entschied mich durch die Integration von zwei Partnern, das finanzielle Engagement einzugehen. Einer davon ist eben Tim Brauer, ein ausgewiesener Experte für Finanzen und Recht, der seither als mein Kollege in der Geschäftsleitung operativ verantwortlich ist. Er ist aber vor allem ein Teamplayer und Freund. Wenn man sein eigenes Geld einsetzt und gegenüber Partnern und Banken mit seinem eigenen Vermögen in der Verantwortung steht und haftet, hat man einen anderen Blick und agiert zielorientiert.

Wie partizipieren die Hockenheimring GmbH und die Stadt als Gesellschafterin durch Sie?

Reister: Durch den positiven Effekt, dass wir der GmbH durch Pacht-, Miet-, Werbe- und Cateringrechte offensichtlich wichtige und die momentan einzigen signifikanten Einnahmen sichern. Und zu einer beiderseitigen guten Partnerschaft gehört auch, dass wir, obwohl hier durch die Schließung momentan manche vereinbarte Leistung seitens der Ring GmbH nicht erbracht werden kann, trotzdem weiter bezahlen. Nach dem Motto „Wie in guten, so in schlechten Zeiten“ stehen wir hier zu unserer Verantwortung. Ich bin seit fast 30 Jahren in unterschiedlichen Funktionen und als Unternehmer in diesem Geschäft tätig und habe aus dieser Zeit meine Netzwerke in Formel 1, Moto GP, Langstreckenrennen, Formel BMW, nationalen Serien, Medien und der Automotive Industrie aufgebaut und viel gelernt. In diesem Geist arbeiten wir auch. Das heißt für mich, es geht immer weiter und wir müssen uns ständig verbessern.

Können Sie sich einen Ring ohne Autorennen vorstellen?

Reister: Die DNA am Hockenheimring sind Rennen und fahraktive Events. Diese wird es unabhängig von der Art der Antriebe und Technologien auch in Zukunft geben und dafür setze ich mich ein.

Was bedeutet die aktuelle Situation für Ihren Mieter Porsche mit dem Experience Center?

Reister: Niemand konnte sich ein solches Szenario, wie wir es gerade erleben, vorstellen. Aber auch niemand weiß, was uns sonst noch künftig erwartet. Unabhängig davon sind wir seit Beginn unserer Arbeit vom Konzept der Diversifikation überzeugt, und gerade Porsche ist das beste Beispiel für uns bei dieser Strategie. Genauso wie es für Porsche eine einmalige Chance war, mein Angebot hier am Hockenheimring wahrzunehmen und sich damit ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb zu verschaffen. Aktuell ruht auch im PEC der Betrieb. Allerdings gehe ich davon aus, dass alle Hersteller, mit denen ich spreche, bereits heute intensiv an Restart-Programmen für deren Endkunden arbeiten, von denen alle partizipieren werden.

Gibt es eine Chance, die Formel 1 zurückzuholen oder ist es besser, auf die Formel E zu setzen?

Reister: Aus meiner Sicht sollten wir uns am Hockenheimring grundsätzlich um internationale Sportformate kümmern. Ich verstehe den Wunschgedanken, dass man gerne Gastgeber für die Formel 1 ist, wenn keine finanziellen Risiken damit verbunden sind. Bernie Ecclestone hat dieses Format erfolgreich zum weltweit größten jährlich stattfindenden Sportbusiness entwickelt. Deshalb ist es realitätsfern, wenn immer mehr aufsteigende Staaten es als politisches Ziel verfolgen, internationale Sportserien zu bekommen und dadurch die Nachfrage dieses ohnehin limitierten Formats das Angebot an verfügbaren Rennen übersteigt. Also erhöhen sich die Preise. Es wird niemand von alleine hierher kommen und die notwendigen Mittel auf den Tisch legen. Man benötigt neue Modelle und das Entgegenkommen der Rechtehalter, sich den finanziellen Möglichkeiten in Europa zu stellen, wenn man noch einige Traditionsstandorte im Kalender halten möchte. Also bedarf es auch hier wiederum einer gesunden finanziellen Basis, moderner Strukturen, guter Partnerschaften und tragfähiger Netzwerke, um solche Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Und die Formel E?

Reister: Das gilt genauso für die Formel E, die eine enorme Entwicklung nimmt. 2008 war ich als CEO in einem privaten Projekt involviert, in dem wir den ersten Langstrecken-Rennwagen überhaupt mit Hybrid-Technologie entwickelten und beim 24-Stunden-Klassiker am Nürburgring einsetzten. Auf dessen Basis entstanden auch Vorgaben im heutigen FIA-Reglement für E-Fahrzeuge. Unter anderem entwickelten wir damals Ideen, um mit einer E-Serie aus bestimmten Gründen in Städte zu gehen und reichten diese bei der FIA ein, so wie es die Formel E heute überwiegend tut. Aber auch hier ist nichts für die Ewigkeit und gesellschaftliche Interessen, gerade in Innenstädten, entwickeln sich weiter. Es gibt mittlerweile gute Argumente sowohl in Städte als auch in geeignete Motorsportlocations zu gehen, da diese teilweise bessere und effizientere Infrastrukturen für die Serie, Teams, Sponsoren und die Industrie bieten. Also das eine zu tun, ohne das andere zu lassen!

Wie sieht der Hockenheimring im Jahr 2025 und wie 2030 aus?

Reister: Wenn die städtischen Gremien die richtigen Entscheidungen treffen, sollten wir 2025 ein neues Hotel und moderne Infrastrukturen sehen, so dass wir uns alle 2030 über einen erfolgreichen gewinnbringenden Hockenheimring mit neuen Geschäftsmodellen freuen können. Zögern und Zaudern sind keine guten Ratgeber und erzeugen ein schlechtes Bild bei Partnern und der Öffentlichkeit. Weshalb soll man mit jemanden Geschäfte machen, der ständig erzählt, wie schlecht es ihm geht? Es ist auch destruktiv, wenn immer wieder dieselben Personen dieselben Fragen stellen und damit wichtige Entwicklungen verzögern. Ein gutes Beispiel, wie es auch anders geht, ist Jochen Nerpel, seit 2019 einer der Geschäftsführer in der Ring GmbH. Er hat mit viel Elan und wenigen Mitteln das Bild im Fahrerlager und an der Strecke positiv veränderte. Diesen Eindruck bekomme ich auch von Kunden gespiegelt. Zusammen mit dem Emodrom-Engagement weht ein frischer Wind durchs Motodrom. Für mein Team ist es ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen und das Vertrauen der Mehrheit des Gemeinderats und der Verwaltung zu haben. Jeder von uns ist sich der Verantwortung bewusst. Mit dem gemeinsamen hochmotivierten Team werden wir Erfolg haben.

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